Trendsport Seesegeln

Noch sieht man wenig Musto- und Zhik-Jacken in den hippen Cafés Hamburgs und Berlins. Aber wenn die aktuellen Rennradfahrer erst einmal die Carbongabel gegen einen Kohlemast eintauschen, haben wir genug Regatten auf Nord- und Ostsee, um all die zukünftigen Offshore-Helden zu bedienen.

Deutsche Seeregatten 2026 – Symbolbild

Die große Covid-Segeleuphorie ist verflogen. Der Gebrauchtmarkt ist wieder rappelvoll, die Meldelisten deutscher Seeregatten haben hingegen fast ausnahmslos noch Platz. Gut besucht sind allenfalls Veranstaltungen, die den Spaß in den Vordergrund stellen, und die DoubleHand-Rennen auf der Ostsee.

Vorbei, die großen deutschen Offshore-Zeiten, als im Hamburger Yachthafen noch die Siegerboote der Admiral’s-Cup-Kampagnen gezeichnet wurden, als zur Nordseewoche – so wird es sich am Kamin erzählt – der Helgoländer Hafen wegen Überfüllung geschlossen werden musste und die Meldeliste der Kieler Aalregatta bereits im Januar voll war.

Die Eigner der IOR-Racer sind längst weitergezogen. Die einen in die Altersresidenz, die anderen auf TP52 oder – die Sparsamen – auf ClubSwan 50 im Mittelmeer. Dort genießt man Sonnenschein und italienische Profisegler-Crews, was auch von außen betrachtet durchaus nachvollziehbar ist.

Geheimtipp Offshoresegeln

Für die paar Daheimgebliebenen aber gibt es auch 2026 Veranstaltungen, als gäbe es kein Morgen mehr: Anfang Mai die MaiOr, 30 Schiffe. Himmelfahrt die Baltic 500 für DoubleHand-Crews (50 Boote – ausgebucht!). Wie immer die Nordseewoche an Pfingsten mit der IDM Offshore und Pantaenius Rund Skagen. Zur Kieler Woche 25 Boote bei der IDM Inshore ORC, 19 beim Silbernen Band der Kieler-Woche-Langstrecke. Aalregatta war auch noch. Parallel das MidsummerSail, mit knapp 900 sm die längste Strecke – wenn auch nicht wirklich eine Regatta. Anfang Juli Rund Bornholm. Und weil zwischen Nordseewoche und Kieler Woche noch ein Wochenende frei war, lud der Kieler Yachtclub erstmalig zum Tanis von der Mosel Race – ein Kurs, den das Garmin Round Denmark Race im August zwar ohnehin schon absegelt, aber eben nicht von Kiel aus.

Zurück zur IDM Offshore, immerhin eine deutsche Meisterschaft: Die brachte es auf 16 Meldungen – über alle ORC-Klassen. Zusammen mit den 15 Booten der regulären Wertung fuhren gerade mal 31 Schiffe das wohl herausforderndste Offshore-Rennen Deutschlands – und das noch in zwei Wertungsgruppen.

Mit Sakura und Rafale nahmen nur zwei Boote sowohl an Pantaenius Rund Skagen als auch am Tanis von der Mosel Race teil. Das ist nicht wirklich verwunderlich. Zwei Langstrecken innerhalb von drei Wochen dürften die Urlaubs-, Finanz- und Motivationsbudgets der meisten Teams überstrapazieren.

Quo vadis, Offshore-Racer?

Was könnte die Ursache für die wenigen Meldungen sein? Grob geschätzt gibt es hierzulande vielleicht um die 100 Boote, die aus dem Stand die notwendige Sicherheitsausrüstung OSR Cat. 2 für Rund Skagen erfüllen. Hinzu kommt, dass die Crew Safety-at-Sea-Zertifikate und Medizin-auf-See-Lehrgänge vorweisen muss. Das ist eine ernstzunehmende Hürde auf dem Weg zu wahren Offshore-Meriten. Aber zu Recht: Wie zickig die Nordsee und das Skagerrak auch im Mai sein können, bekamen die Crews in der 2026-Auflage durchaus zu spüren. Ein Aufweichen der Sicherheitsanforderungen zugunsten eines vermeintlich größeren Starterfeldes ist daher keine gute Option.

Die Ostsee-Langstrecken sind mit Cat. 3 nicht ganz so fordernd und dürften den Kreis an potenziellen Booten und Crews zumindest theoretisch deutlich erweitern. Nur ändert auch das wenig – die Felder bleiben dünn.

Es liegt also nicht allein an der Ausrüstungsliste. Segeln über Nacht – je länger die Strecke und je langsamer das Boot, desto mehr Nächte am Stück –, dazu Essen aus der Tüte und Schlaf in homöopathischen Dosen: Das klingt nur für eine überschaubare Zahl an Menschen nach einer erstrebenswerten Freizeitgestaltung.

Andererseits ist das alle zwei Jahre stattfindende Fastnet Race ständig ausgebucht. Selbst auf der Warteliste stehen regelmäßig 150 Boote. Am Pantaenius Rund Skagen 2026 nahm eine Kölner Crew teil, deren Endziel das Fastnet ist. Mit enormem Aufwand charterte das Team in Flensburg eine Dehler 38 und sorgte gemeinsam mit dem sich als völlig ahnungslos herausstellenden Vercharter dafür, dass das Boot OSR Cat. 2 erfüllte. Alles als Vorbereitung auf das große Ziel Fastnet. Dass Rund Skagen nicht nur ein lockeres Warmlaufen, sondern eine echte Offshore-Challenge ist, stellte die Crew dann am zweiten Abend fest. Mit der Aussicht auf 20 Stunden Wind und Welle aus Nordwest und die dänische Küste im Nacken, traf die Crew eine weise Entscheidung und drehte ab – zurück nach Cuxhaven. Auch „der Abbruch“ gehört auf der Nordsee dazu!

Man sieht: Rund Skagen hat alles, um eine echte Offshore-Legende zu sein: ein dickes Kreuz auf der Bucket-Liste eines jeden Seglers und eine gute Story für jeden Winter-Clubabend. An mangelnder Herausforderung kann es also nicht liegen.

Oranje wieder nicht dabei!

Auffällig ist, dass die IDM Offshore 2026 wie schon 2024 keine internationalen Teams nach Helgoland lockt. Auch machte sich nicht einer der neuen XR41 – aktuell die wohl heißeste ORC-B-Waffe überhaupt – auf den Weg durch den NOK zur Nordsee.

In Kiel, bei der IDM Inshore, waren dagegen Teams aus Schweden, Norwegen und Dänemark vertreten. Neben der einfacheren Anreise ist es sicher auch der Ausblick auf ein hochkarätiges Feld, der diese Teams nach Kiel zieht. Offshore sieht alles nach einem Henne-Ei-Problem aus: Es kommt keiner, weil kein Feld da ist – und es ist kein Feld da, weil keiner kommt. Dabei wäre Helgoland ja sogar für niederländische Crews in Schlagdistanz.

Eine Regatta besteht aber nicht nur aus potenziellen Siegerbooten im Feld. Und für die Dabeisein-ist-alles-Crews ist selbst ein ORC-Club-Messbrief womöglich zu teuer oder zu aufwendig. Ersteres ist bei ein, zwei Regatten pro Saison noch nachvollziehbar. Letzteres – ach, komm.
Bei Rund Bornholm im Rahmen der Warnemünder Woche kann auch nach Yardstick gemeldet werden; neuerdings tun das sogar die beiden VO 60 von Speedsailing. Womit wir beim leidigen Thema Vermessungsformel wären. Yardstick ist kostenlos und simpel – nur: Wem will man zumuten, das Geschwindigkeitspotenzial derart unterschiedlicher Yachten fair zu schätzen? Was für ein Ritt auf der Rasierklinge das sein kann, sieht man schon bei uns auf der Elbe. Und ganz wie bei Rund Skagen, wo IDM- und reguläre Wertung das ohnehin dünne Feld noch einmal aufteilen, zersplittert die Yardstick-Wertung die wenigen Boote gleich in mehrere Gruppen. Der italienische Verband hat mit dem im November 2025 eingeführten „ORC Light“ – einem vermessungsfreien Einstiegszertifikat – einen interessanten Aufschlag gemacht, den man sich mal genauer anschauen sollte. Intern im DSV wird ohnehin schon länger über ein „Yardstick Plus“ diskutiert, das sich an den ORC-APH/ToT-Faktoren orientieren soll. Für die Elbe vielleicht der bessere Ansatz, weil er auch Jollen mit einschließt.

Insta alleine macht noch keine Legende

In Sachen Social Media hat sich in den letzten Jahren eine Menge getan. Die Veranstalter sind alle sehr aktiv auf Insta, teilweise mit ausgesprochen professionellen Agenturen im Hintergrund. Auf der Kieler Woche wurde der Kanal etwa von der Agentur von Bendix Hügelmann bespielt – selbst erfolgreicher ORC-Segler. An Professionalität und Expertise mangelt es also nicht.

Einzig segelreporter.de kann dem Vermessungssegeln wenig abgewinnen – dafür wird zuverlässig über die Contender-Klasse gepodcastet. Bei der Yacht schreibt Tatjana Pokorny kenntnisreich immer wieder über den deutschen Seesegel-Regattazirkus. Und 2024 ließ das Magazin sogar einen Volontär auf einem teilnehmenden Boot mitsegeln, der einen lesenswerten Bericht über seine Erlebnisse bei Rund Skagen schrieb.

Papier ist geduldig und für die Nachwuchsgeneration nahezu irrelevant. Dabei ist Angeben doch eigentlich die Paradedisziplin von uns Seglern – dieses Talent müsste man nur endlich mal sinnvoll einsetzen. Vielleicht braucht es einfach mehr aktive Segler, die sagen: „Leute, kommt mit, wir wollen euch dabei haben – und übrigens, für die IDM reicht schon ein ORC-Club-Messbrief!“ Oder, wie es der Kaiser gesagt hätte: „Geht’s raus und segelt Offshore.“

Seesegeln auf der Elbe ist Quatsch – aber vielleicht ein Vorbild

Vielleicht könnte das, was auf der Elbe im Kleinen durchaus Früchte getragen hat, auch für das deutsche Seesegeln im Großen funktionieren. Die Zutaten für steigende Meldezahlen sind eigentlich simpel: Die Crews sind mehr und mehr untereinander vernetzt, und das fördert die Lust, dabei zu sein. Es geht eben nicht nur ums Segeln, sondern auch ums Stegbier mit den anderen Teams im Anschluss. Nicht selten bilden sich daraus neue Teams, oder man hilft sich untereinander aus.

Auch die Veranstalter der sechs Regatten der Elbe Super Sailing Tour stehen im engen Austausch. Hier hat nicht mehr, sondern weniger Konkurrenz gefruchtet – und mehr partnerschaftliche Zusammenarbeit. Dass eine Nordseewoche von einem neuen, anspruchsvollen Langstreckenrennen erst aus der Presse erfährt – auf der Elbe würde das nicht (mehr) vorkommen.

Viva la Fifa

Vor einigen Wochen besprachen die drei Hosts des Podcasts „Viel Wind um nix!“ die Lage des deutschen Segelsports im Allgemeinen – aus ihrer Sicht und mit mehr Blick auf die Kaderförderung. Unter anderem wurde überlegt, ob ein Trend aus dem Radsport die Lösung sein könnte: professionelle Veranstalter mit Gewinnabsicht, die alles organisieren, statt der bisherigen Vereinsarbeit. In Dänemark beim Vegvisir und in Deutschland beim MidsummerSail funktioniert das Konzept – jedenfalls, wenn man auf die Meldeliste schaut. Nur sind beide Veranstaltungen sportlich eben nicht verwertbar. Welcher Veranstalter will schon einen zahlenden Kunden rausprotestieren, weil er beim Yardstick schummelt?

Wie weit ein kommerzieller Veranstalter gehen kann, führt gerade die Solitaire du Figaro vor. OC Sport, die private Ausrichterin, verliert seit Jahren Geld mit der Solitaire, seit 1970 der Talentschmiede des französischen Hochseesegelns – und zieht die Konsequenz: Ab 2028 wird nicht mehr auf der einheitlichen Figaro 3 gesegelt, sondern auf Ocean-Fifty-Trimaranen. Titelsponsor und Werft sind empört ausgestiegen, der Verband bedauert, die Figaro-Segler laufen Sturm. So ist es eben im Kapitalismus…

Außerdem: Ein Massenfeld bringt auch das nicht. Die Ocean Fifty ist auf elf Boote gedeckelt, es geht um „star appeal“ und Spektakel, nicht um volle Meldelisten. Der kommerzielle Weg löst das Problem des Veranstalters, nicht das des Sports.

Denken wir das Konzept einmal weiter: Wäre ein Rund Skagen im August aus Sicht eines kommerziellen Veranstalters nicht viel attraktiver? Vielleicht mit Zwischenstopp und Grillen in Skagen? Wenn es dann noch Hafermilch für den Chai Latte gibt, kommen bestimmt auch die Rennradfahrer aus den hippen Cafés der Stadt.